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Ein Rundgang zum Landesstreik

14.Juni.2018

 

Die Parteiversammlung stand diesmal ganz im Zeichen des Gedenkens an den Landesstreik, der vor 100 Jahren in der Schweiz für grosse Auseinandersetzungen sorgte. Olten ist besonders betroffen, nicht weil hier der Streik besonders heftig gewesen wäre, sondern weil im damaligen Volkshaus an der Mühlegasse das so genannte «Oltener Komitee» seine Treffen abhielt. Damals wie heute ist die gute Verkehrslage von Olten Grund dafür, dass man sich hier trifft, wenn es um gesamtschweizerische Anliegen geht.

Der Historiker und frühere Stadtarchivar Peter Heim stellte anfänglich in der gut besuchten Versammlung die Umstände vor, die zum Streik führten: Nach vier Kriegsjahren herrschte Hunger, die russische Revolution von November 1917 versetzte die Herrschenden in ganz Europa in Angst, und schliesslich kam die «spanische Grippe» hinzu, der weltweit wohl über 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen – allein in der Schweiz dürften es über 25’000 gewesen sein.

Als der Bundesrat im Sommer 1918 den Milchpreis erhöhen wollte, erhoben sich die Gewerkschafter: das «Oltener Komitee» erreichte, dass auf die Erhöhung verzichtet wurde. Für mehrere Monate schien eine einvernehmliche Regelung zwischen Bundesrat und Gewerkschaften möglich, doch als Anfang November 1918 in Zürich von jungen Linken kämpferische Aufrufe ertönten, setzten sich die Scharfmacher der Armee bei der Politik durch und die Städte wurden militärisch besetzt.

Die Ausrufung des Landesstreiks war die einzige Möglichkeit der Gewerkschafter, ihr Gesicht zu wahren. Der Streik wurde unterschiedlich befolgt. Peter Heim zeigte die Situation im Kanton Solothurn auf: Bei Bally in Schönenwerd wurde normal gearbeitet, in Olten gab es einige Behinderungen der Züge, aber keine grösseren Auseinandersetzungen, in Solothurn versammelten sich die Arbeiter aus dem Wasseramt, insbesondere der von Roll; es kam zu Sachbeschädigungen und Reibereien mit dem Militär. Eskaliert ist das Ganze jedoch in Grenchen, wo der militärische Kommandant den Schiessbefehl gab und drei Arbeiter getötet wurden. Noch heute warte man in Grenchen vergebens auf eine Entschuldigung, hielt Heim fest.

Die Folgen des Landesstreiks waren gross: Es kam zu gewissen Zugeständnissen an die Arbeiter, so führte Bally die 48-Stunden-Arbeitswoche ein; andere Forderungen aus dem Streik wie die Alters- und Invalidenversicherung oder das Frauenstimmrecht hingegen liessen noch Jahrzehnte auf sich warten. Nach einer anfänglichen Zuspitzung der politischen Extreme folgte später eine Annäherung, die vor dem zweiten Weltkrieg zu Übereinkünften führte wie etwas das Friedensabkommen in der Industrie, das bis heute Streiks weitgehend ausschliesst.

Nach dem unterhaltsamen und informativen Referat machte sich die Versammlung auf den Weg zu den Schauplätzen:

Wo heute das Hotel Europe steht, befand sich damals das Volkshaus, Versammlungsort des «Oltener Komitees».

An der Mühlegasse erinnert heute nichts mehr an das frühere Volkshaus, das die Sozialdemokratische Partei dort betrieben hatte. Heute steht an dessen Stelle das Hotel Europe, und im Hinterhof findet sich eine Freikirche im Gebäude, wo früher die Genossenschaftsdruckerei und damit die Redaktion der «roten» Tageszeitung daheim waren.

Das Denkmal von Schang Hutter erinnert an den Landesstreik und seine Opfer.

Den Abschluss machte Peter Heim in der Schützenmatte beim Denkmal von Schang Hutter, das seit 10 Jahren an den Landesstreik und das «Oltener Komitee» erinnert. Gerne hätten die Initianten dies beim Bahnhof aufstellen lassen, doch die Stadt war damit nicht einverstanden, mit dem Argument des bevorstehenden Umbaus des Bahnhofplatzes. Nun, der Umbau des Bahnhofplatzes steht immer noch bevor; vielleicht lässt sich danach das Denkmal doch noch an den ihm zustehenden Platz versetzen…




SP vor Ort